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Radfahren macht Spaß, ist gesund, schnell, praktisch und günstig. Und vergleichsweise ungefährlich. Trotzdem zeigt ein Blick in die Unfallstatistik von Augsburg, dass es nicht vollkommen gefahrlos ist. Im Schnitt kommt jedes Jahr wenigstens ein Radfahrer allein im Stadtgebiet Augsburg ums Leben. (Unfallstatistik der Polizei 2014, Seite 59) Jetzt könnte man achselzuckend argumentieren, dass man ja immer ein Restrisiko habe. Die Aussage wäre sicherlich richtig, aber die Getöteten sind im Wesentlichen ja nur die Spitze des Eisbergs. Sieht man sich die Zahlen der Verletzten an, wird deutlich, dass es noch eine Menge Nachholbedarf in Sachen Unfallvermeidung gibt. Da sieht der Mittelwert der letzten 11 Jahre nämlich nicht mehr so rosig aus: Fast 500 Radfahrer werden jedes Jahr verletzt. Die Dunkelziffer aller nicht von der Polizei erfassten Unfälle würde diese Zahl jedoch sicherlich noch weiter in die Höhe treiben.

Warum eigentlich so oft?

Jetzt kann man sich natürlich Gedanken machen, woher die Verletzten und vor allem die Getöteten eigentlich kommen. Sieht man sich die Unfallmeldungen der letzten Jahre an, bei denen ein Radfahrer getötet wurde, sind meistens abbiegende LKWs involviert. Mal ein paar Beispiele der letzten Jahre:

  • 22.11.2012: In diesem Jahr der erste tödliche Unfall, ein Radfahrer wird auf dem Radweg von einem rechtsabbiegenden LKW-Fahrer überfahren und stirbt.

  • 18.12.2013: Radlerin gerät unter Lkw und wird schwer verletzt, eine Radfahrerin fährt auf Suggestivstreifen und wird von einem LKW überfahren. Pikant daran: Die rechtlich völlig irrelevanten Streifen wurden erst ein paar Tage vorher aufgebracht.

  • 03.08.2013: Autofahrerin lässt Verletzten liegen, es muss nicht immer ein LKW sein, der tödlich wirkt. Ein Senior wird auf dem Radweg von einer PKW-Fahrerin angefahren. Er verstirbt kurze Zeit später im Krankenhaus.

  • 30.06.2015: Tödlicher Unfall: Junge Radfahrerin wird von Lkw erfasst, Chiara Roider wird an der Ecke Inninger Straße/Haunstetter Straße auf dem Radweg von einem LKW-Fahrer angefahren und stirbt kurze Zeit später im Krankenhaus.

  • 10.12.2015: Lastwagen überrollt Radlerin: Polizei ermittelt nach tödlichem Unfall, eine ältere Dame wird auf einem Radfahrstreifen von einem LKW-Fahrer tot gefahren. Zum Zeitpunkt dieses Artikels (18.12.2015) ist zwar noch nicht 100%ig klar, wie der Unfallhergang ausgesehen hat, es zeichnet sich aber ab, dass es sich auch hier wieder um einen klassischen Rechtsabbiegerunfall handelt, da er im Begriff war, auf die Rechtsabbiegerspur zu wechseln, die dummerweise genau mit der Abfahrt des Radwegs auf den Radfahrstreifen zusammen fällt.

Die meisten dieser Unfälle finden doch bei relativ guten Sichtverhältnissen statt, die alte Presse- und Polizeiberichts-Formulierung »übersehen« ist also eigentlich eher unglaubwürdig. Fehlende Aufmerksamkeit, fehlendes Sicherungsverhalten seitens der KFZ-Fahrer oder einfach nur deren Überforderung mit der komplizierten Verkehrssituation trägt maßgeblich dazu bei, dass hier Menschen sterben.

Radwege sind eben kein Allheilmittel der Sicherheit

Eines ist aber allen gemeinsam: Trotz Radweg oder Radfahrstreifen war die Situation offensichtlich nicht sicher. Das Problem ist in der Fachwelt schon seit ca. 30 Jahren gut bekannt. Der Gesetzgeber hat darauf reagiert, indem er Benutzungspflichten an sehr strenge Regeln knüpft. Das Problem war damit aber nicht aus der Welt geschafft. 2009 wurden deshalb zusätzlich Regelungen erlassen, die für LKWs einige zusätzliche Spiegel vorschreiben, sodass bei sachgemäßer Einstellung der Spiegel ein toter Winkel, wie es ihn früher oft gab, ausgeschlossen ist. Und trotzdem zeigen die Beispiele von oben ganz deutlich, dass auch das nicht ausreichend ist, um Unfalltote auszuschließen.

Das Konzept vom geradeausfahrenden Radverkehr rechts vom Rechtsabbieger macht es eben allen Beteiligten sehr schwer. An einer Kreuzung links, rechts, vorne und über diverse Spiegel auch noch hinten gleichzeitig im Auge zu behalten ist eben ein Kunststück, das nicht immer gelingt. Da die meisten Radfahrer sich aber rechts im Augenwinkel von KFZ-Fahrern besonders wohl zu fühlen scheinen, bleibt letztlich nur noch Aufklärung zu betreiben und auf jeden Fall die Anlage neuer Hochbord-Wege zu vermeiden. Und auch sonst ist der Verkehr so zu planen, dass an Knotenpunkten ein »übersehen« so schwer wie möglich gemacht wird. Fälle wie der in Gersthofen oder der im alten Postweg wären sicherlich weitaus unwahrscheinlicher, wenn die Begegnung Radverkehr/MIV nicht so ungünstig und unübersichtlich herbeigeführt würde. Wie schon gesagt, ist das Problem sehr lange bekannt und auch die Versicherungswirtschaft rät inzwischen insbesondere von Hochbordradwegen ab. Sie sind einfach nicht sicher. Deshalb sind sie zu vermeiden.

Geisterräder

Aus diesem Grund unterstützt der ADFC Augsburg auch tatkräftig das Konzept der Geisterräder, im Englischen Original Ghost-Bikes genannt. Augsburg hat momentan auch vier dieser Geisterräder:

Sie sollen daran erinnern, dass bei der Verkehrsplanung eben nicht alles richtig läuft, sondern Menschen auch heute noch viel zu oft auf die teuerste Weise für schlechte Verkehrsplanung zahlen müssen, nämlich mit ihrem Leben. Insbesondere wenn man eine Fahrradstadt sein möchte, muss es das oberste Ziel sein, die Anzahl der Verletzten und Getöteten zu reduzieren, wo immer es möglich ist. Wenn das bedeutet, dass in einer Straße Tempo 30 angeordnet werden müsste, weil Radwege eben gerade nicht nur die Lösung sondern sehr oft auch Teil des Problems sein können, dann sollten die Verantwortlichen über ihren Schatten springen und auch ihre eigenen Vorschriften etwas ernster nehmen. In der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung steht z. B. sinngemäß, dass die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer, also natürlich auch der Radfahrer, Vorrang vor der Flüssigkeit des Verkehrs haben muss. Tempolimits wären hier das Mittel der Wahl, insbesondere um Unfalltote zu verhindern. Und auch wenn man nicht von heute auf morgen die gefährlichen Altlasten los werden kann (wofür wir durchaus Verständnis haben), ist es das Mindeste, dass man den Menschen die Wahl lässt, wo sie fahren möchten. Damit man sich den Gefahrenzonen legal entziehen kann. Andere Städte machen es vor. Das kann Augsburg auch. Das muss Augsburg eigentlich auch. Und dafür setzen wir diese Zeichen.

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