Die Verwaltung der Stadt Königsbrunn hat es dieser Tage nicht leicht. Viele besorgte Bürger kritisieren ihre Umsetzungen von Stadtratsbeschlüssen, obwohl die Beamten dabei eigentlich nur eines tun: Ihren Job. Der ADFC steht ebenfalls hinter dieser Maßnahme. Aber der Reihe nach: Im Juni hat der Königsbrunner Stadtrat nach langem Hin und Her das neue Radverkehrskonzept beschlossen und vorgestellt. Dieses sieht als Maßnahmen u. A. neue Schutzstreifen, Fahrradstraßen, neu geschaffene Kreisverkehre und weitgehende Entfernung der Benutzungspflichten in Königsbrunn vor. Insbesondere letztere Maßnahme stößt aber bei einigen Mitbürgern auf Unverständnis. Die einen fühlen sich ihrer alltäglichen Wege beraubt, wieder andere wollen offenbar nicht mit der Anwesenheit von Radfahrern leben und die freien Wähler malen gar den Teufel steigender Unfallzahlen an die Wand und verursachen damit ebenfalls eine besorgte Grundhaltung.

Offensichtlich müssen hier einige Dinge noch ein mal erklärt werden. Auch wenn die Augsburger Allgemeine von einer »Revolution im Saale« geschrieben hat, fand die eigentliche Revolution vor inzwischen 18 Jahren statt. So lange ist es her, dass die allgemeine Radwegbenutzungspflicht nicht mehr existiert. Und das aus guten Gründen. An ihrer Stelle ist eine Verordnung getreten, die es verlangt, dass Radfahrern bei Anwesenheit eines Radweges in erster Linie mal die Wahl zusteht, ob sie ihn benutzen wollen oder nicht. Die Vorschrift, dass Fahrzeuge die Fahrbahn zu benutzen haben, gilt selbstverständlich auch für Fahrräder, denn sie sind Fahrzeuge. Das ist der Normalfall.

Ein Radweg ist also per se schon ein mal ein Sonderfall. Eine Benutzungspflicht kommt nach aktuell geltenden Gesetzen weiterhin nur dann in Frage, wenn es eine besonders schwere Gefahrenlage an dieser Stelle gibt, die sich auch nicht anderweitig beheben lässt. Die Benutzungspflicht ist also der Sonderfall vom Sonderfall, sollte also entsprechend selten anzutreffen sein. Und diese Regelung gilt übrigens nicht erst seit 2010, sondern wurde vom Bundesverwaltungsgericht nur noch ein mal bestätigt. So weit der rechtliche Aspekt.

Es wurde Zeit

Wenn jetzt also die Stadtverwaltung Königsbrunn nach immerhin fast 2 Jahrzehnten ihrer Aufgabe nachkommt und illegal gewordene blaue Schilder abschraubt oder gegen Gehwegschilder austauscht, tut sie nur ihre Pflicht. Mancher Bürger stellt sich jetzt die Frage, ob so eine Gesetzgebung sinnvoll ist oder nicht. Einige der beteiligten Akteure bekleckern sich bei dieser Frage allerdings nicht gerade mit fachlichem Hintergrundwissen. Z. B. schreiben die Freien Wähler fälschlicherweise, dass Radwege erst in den 80er Jahren aufgekommen wären und erst danach die Unfallzahlen gesunken wären. Wer sich ein mal mit der Historie des Radwegebaus und der Ergebnisse der Unfallforschung auseinandergesetzt hat, weiß, dass das unhaltbare Behauptungen sind.

Radwege gibt es schon seit den frühen 1920er Jahren. Deren allgemeine Benutzungspflicht wurde 1933 Reichsweit eingeführt. Und das nicht etwa wegen der Sicherheit des Radverkehrs, sondern viel mehr weil man freie Bahn für Autofahrer schaffen wollte. Das Auto war damals noch eine ganz neue Verkehrsart und sollte (politisch motiviert) gefördert werden. Radfahrer hatten als angebliche Störfaktoren schlicht zu verschwinden. In den 50ern bis 70ern wurde das Prinzip kaum verändert fortgeführt, als Konzept der »autogerechten Stadt«. Es wurden fleißig Radwege gebaut, auch wenn man der Bevölkerung in den 60ern noch nichts von Sicherheit vorgelogen hat. Viele der teils katastrophalen Altlasten kann man auch heute noch bestaunen.

In den 1980er Jahren hingegen kamen neue Erkenntnisse auf, dass insbesondere Hochbordradwege das genaue Gegenteil von objektiver Verkehrssicherung darstellen. Seither gab es diverse Untersuchungen, zuletzt von der Versicherungswirtschaft, mit dem Ergebnis, dass Separationsmaßnahmen unsicherer sind, als Fahrbahnführung und Mischverkehr. Radwege haben eben nicht funktioniert und tun es auch weiterhin nicht. Die Unkenrufe einiger Skeptiker sind hier ca. 30 Jahre zu spät: Man weiß es inzwischen einfach besser, auch wenn sich das offenbar noch nicht überall herumgesprochen hat. Dem subjektiven Sicherheitsempfinden der Radfahrer muss allerdings ebenfalls Rechnung getragen werden, wenn man Radverkehrsförderung betreiben möchte. Unter dieser Prämisse ist Radfahrern die Wahl lassen das einzig akzeptable Vorgeben.

Die Probleme liegen woanders

Die autogerechte Stadt wurde inzwischen als Fehler erkannt und eine Nutzung sozialverträglicher Verkehrsmittel wird wieder zunehmend in den Mittelpunkt gestellt. Die Politik ringt zwar vielerorts noch mit dieser Erkenntnis, Königsbrunn macht aber im Prinzip bereits alles richtig: Für diejenigen, die sich unsicher sind, werden weiterhin die Angebote bestehen bleiben, denn ein Radweg ohne Schild bleibt weiterhin ein Radweg. Nur muss er jetzt nicht mehr benutzt werden, er darf. Für diejenigen, die die diversen Probleme dort nicht mehr am eigenen Leib erfahren wollen (wer kennt keinen Radweg, der ihm aus irgend einem Grund ein Dorn im Auge ist?) gibt es ab jetzt die rechtmäßige Möglichkeit, das zu tun, was objektiv gesehen sicherer ist: Die Fahrbahn zu benutzen. Für Radfahrer ändert sich daher im Wesentlichen genau gar nichts zum Schlechteren, eher geht es aufwärts mit ihren Möglichkeiten. So sieht Radverkehrsförderung aus. In der Realität zum Beispiel so:

Freigabeschilder Königsbrunn

Das Hinweisschild zeigt aber schon ein wenig in die Richtung, wo das eigentliche Problem im Moment liegt. Es scheint extra notwendig zu sein, den Leuten noch ein mal klar zu machen, dass der Normalfall der StVO hier zu erwarten ist. Viele Radfahrer wird das ohnehin nicht so schnell zu einer Verhaltensänderung bewegen. Sie werden weiterhin die Freigaben in Anspruch nehmen, wegen Unbehagen durch den KFZ-Verkehr. Der Rest kann trotzdem legal und objektiv am sichersten fahren. Es bleibt also nur die Fraktion derjenigen Autofahrer, die der Meinung sind, ihnen würde etwas weggenommen bzw. Radfahrer hätten auf der Fahrbahn grundsätzlich nichts verloren.

Hier noch ein mal der Verweis auf das Gebot, mit Fahrzeugen nur die Fahrbahn zu benutzen. Ein Fahrrad ist ein vollwertiges und gleich berechtigtes Fahrzeug und hat genau so respektiert und beachtet zu werden, wie ein ein Mofa, ein Roller, oder eben ein Auto. Radfahrer haben genau dasselbe Recht, nein, sogar die Pflicht, dort zu fahren, wo Fahrverkehr abgewickelt wird. Nicht zuletzt zur Sicherheit der Fußgänger. Das ist der gesetzlich verbriefte Normalfall. Darauf sollte zumindest jeder vorbereitet sein, der eine Fahrerlaubnis besitzt.

Wenn also ausgerechnet Autofahrer von erhöhten Unfallgefahren bei Anwesenheit von Radverkehr auf der Fahrbahn sprechen, muss man die Frage stellen, woher diese Einschätzung kommt. Entweder sie kommen mit der bloßen Anwesenheit von Radverkehr nicht zu recht, was ein seltsames Licht auf ihre eigenen Fahrkünste wirft. Hier sei vielleicht ein Fahrsicherheitstraining vom ADAC angeraten. Auch geäußerte Zweifel an der Durchsetzbarkeit von reduzierten Tempolimits seitens der Politik sind in dieser Hinsicht... spannend, um es mal höflich zu formulieren. Nimmt man diese beiden Dinge zusammen, klingt das eher so, als wenn es einen Teil der Autofahrer gäbe, denen Tempolimits egal sind, wodurch nicht nur Radfahrer gefährdet werden. Wer hier den Schluss zieht, dass ausgerechnet die Radfahrer weg gesperrt gehören, hat aber ein seltsames Rechtsverständnis und sollte seine Verkehrspolitik noch ein mal den eigenen Bürger zuliebe überdenken.

Oder aber sie gehen pauschal davon aus, dass alle Radfahrer wegen angeblicher eigener Defizite nicht in der Lage wären, sich sicher im Verkehr zu bewegen. Das wiederum wirft ein seltsames Licht auf ihre Einstellung zum Radverkehr. Das ist das ziemlich genaue Gegenteil von Radverkehrsförderung. Die 1930er bis 1970er sind vorbei. Die Verkehrswelt muss sich weiter entwickeln. Eingebildete Vorrechtshaltungen von Autofahrern sind dabei sicher nicht das Maß der Dinge. Alle müssen sicher und zügig voran kommen können.

Und genau an dieser Stelle hat Königsbrunn die vielleicht noch viel schwierigere Aufgabe: Das Miteinander so zu beeinflussen, dass nicht eine Verkehrsteilnehmergruppe pauschal auf einer anderen rum drischt, bzw. gegen sie arbeitet. Der ADFC kann sich daher den Bemühungen der Königsbrunner Grünen und des Stadtrats nur anschließen und sie ermutigen diesen Weg weiter zu gehen. Für mehr objektive Sicherheit, für mehr Wahlfreiheit der Königsbrunner Radfahrer. Und letztendlich für eine bessere, sozialverträglichere Verkehrsgestaltung.